Porous City

Projekt Lang SS 19

Neapel - Giorgio Sommer

Was ist uns von der Moderne geblieben? Die Bewegung, die einst als sensibel-künstlerische Antwort auf die Fragen und Probleme ihrer Zeit begann, hat uns die Stadt der Flächennutzungsplanung, Bauordnungen und Standardisierung vermacht – kurzum die Stadt als funktionale Geographie, die durch harte Kanten und klar umrissene Felder gekennzeichnet ist. Während die Moderne das ‚Dazwischen‘, die nuancierten Abstufungen und Übergänge, aus dem Bild der Stadt verdrängt und die Grenzen des physischen und damit auch des sozialen Raums verfestigt hat, so waren es die nachfolgenden Generationen, die sich gegen diese Entwicklung auflehnten und ihr Recht auf eine diverse, multivalente und sozial vielschichtige Stadt zum Ausdruck brachten. Mit dem heutigen Fortschreiten einer neoliberal geprägten Planungspolitik haben sich die Kanten und Felder jedoch keineswegs aufgeweicht, sondern eher verschärft, indem selbst der Architektur eines einzelnen Gebäudes, als kleinsten Baustein der Stadt, durch Rendite orientiertes Bauen die Möglichkeit zur Verhandlung von Schwellen und weichen Übergängen abhanden gekommen ist.  Solche Schwellen und Übergänge sind jedoch als Orte des sozialen Austauschs, der beiläufigen Begegnung, der Aneignung oder des einfachen Entspannen und Verweilen notwendig und tragen zur Resilienz einer Stadt gegenüber wandelnden Anforderungen bei – die Stadt bleibt flexibel.

Die poröse Stadt kennt keine harten Grenzen, keine vordefinierten Felder, keine dauerhaft gültigen Nutzungszuweisungen und auch keine in Stein gemeißelte Bauordnung. Ebenso wenig kennt sie die scharfe Trennung von Arbeit und Wohnen, von Öffentlich und Privat und von Arm und Reich. Die poröse Stadt ist die Stadt der Zwischenräume, der mehrdeutigen Zonen, der Schwellen – eine Stadt, die ihre Grenzen und Felder stets neu und am Ort verhandelt. Unsere in den letzten Semestern mit dem Thema der produktiven Stadt aufgenommene Auseinandersetzung mit Diversifizierung von Stadt findet unter dem Leitthema der porösen Stadt eine Fortführung und Ausweitung. Beispielhaft wollen wir anhand eines Stadtbausteins – zwischen großem Gebäude und kleinem Quartier –  entwurflich die Potentiale der Stadt und ihrer Architektur als poröse Struktur ausloten – d.h.  konventionelle Grenzen und Felder auflösen. Dabei wollen wir besonderes Augenmerk auf Schwellen und Übergänge legen, die als Vermittler zwischen unterschiedlichen Räumen und Nutzungen dienen und das Potential besitzen eigenständige Räumlichkeiten für verschiedene Nutzungen und Zwecke auszubilden. Anknüpfend an die letzten Semester wird es unter anderem um Fragen der räumlichen Vereinbarkeit von Wohnen und Arbeiten sowie von Gemeinschaft und Individualität in der Stadt und im Gebäude gehen.

Standort des zu entwickelnden Stadtbausteins ist ein Grundstück auf der Bremer Halbinsel zwischen Weser und Hafenbecken, die den Übergang von der Stadt zur „Überseeinsel“ markiert und Teil des ehemaligen Hafenareals ist. Zurzeit ist das Entwurfsgebiet noch größtenteils durch das ehemalige und kolossal anmutende Produktionsgebäude des Cornflakes-Herstellers Kellogg besetzt. Im Rahmen des Entwurfs soll entschieden werden, ob und welche Teile des Bestands erhalten bleiben und als Teil in den neuen Stadtbaustein integriert werden.

Das Projekt lang wird von einer Exkursion nach Bremen, Rotterdam und Amsterdam begleitet. Neben dem Entwurfsgebiet in Bremen werden wir uns aktuelle Projekte anschauen, die Ansätze einer porösen Stadt aufgreifen.


Lehrende

Prof. Andreas Quednau
WM Leonhard Clemens
WM Benedikt Stoll